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Hella Hanover in Partylaune, Titan Lad bleibt lieber solo

Josef Franzl und Andreas Gläser vorne

Von Heiko Lingk

Zwei stolz dotierte Trials standen an dem von bulliger Hitze beherrschten Sonntagnachmittag auf dem Mariendorfer Veranstaltungsprogramm. Für die Startberechtigten der Cassirer- und der Criteriums-Serien ging es um jeweils 10.000 Euro Preisgeld. Zwei dicke Happen also, von denen sich Hella Hanover (Josef Franzl) und Titan Lad (Andreas Gläser) die größten Bissen schnappten.

Allerdings auf völlig unterschiedliche Art und Weise: Während sich Hella Hanover überaus gesellig und kontaktfreudig präsentierte und sich erst mit dem allerletzten Schritt aus dem Pulk ihrer zehn Mitstreiterinnen löste, mimte Titan Lad den „unnahbaren Schweiger“ und war bei seinem Sieg als einsamer Einzelgänger allein auf weiter Flur unterwegs.

Roland Hülskath mit Spitzenstart

Doch nun konkret zum Geschehen: Beim Trial I des Bruno-Cassirer-Rennens erwischte Illa d’Or (Roland Hülskath) den besten Start und stürmte in 08,3 sofort an die Spitze. Hella Hanover begann aus der zweiten Reihe ebenfalls wie die Feuerwehr und erkämpfte sich eingangs der Tribünengeraden die Idealposition an vierter Stelle außen hinter der offensiv in die Schlacht geworfenen Shantal (Maximilian Berger).

Bis Mitte der Gegenseite blieb diese Konstellation zunächst unverändert, doch bei weiterhin zügiger Pace sendete Illa d’Or bereits in dieser Phase erste Notsignale aus und warf mit Erreichen des Schlussbogens endgültig das Handtuch. Zugleich war auch das Schicksal der 18:10-Topfavoritin Push the Button (Detlef Fleischer) besiegelt, die auf dem ersten Kilometer ganz am Ende des Feldes gelegen hatte und dann bei ihrem Vorstoß nicht mehr auf den Beinen zu halten war.

Shantal gibt lange den Takt vor

Nun bestimmte Shantal entschlossen die Musik und zu Beginn der Zielgeraden sah es für die tapfer durchziehende Berger-Stute richtig gut aus. Doch auch Hella Hanover ging den flotten Takt in zweiter Spur blendend mit und ganz außen wurde Voila (Karin Port) urplötzlich bärenstark. Achtzig Meter vor der Linie schien Voila die Nüstern bereits in Front zu stecken – aber Hella Hanover hatte auf diese finalen Tanzschritte wohl nur gewartet und setzte sich mit einem Kopfvorsprung gegen die Gegnerin durch.

Eine halbe Länge zurück behielt Shantal das dritte Geld. Josef Franzl: „Ich hätte nie gedacht, dass wir aus der zweiten Reihe einen solch guten Start erwischen. Das war natürlich die Basis für den Erfolg, obwohl Voila auf den letzten Metern verdammt gefährlich wurde.“ Nach ihrem Treffer beim Gelsenkirchener Stuten-Pokal war es für Hella Hanover, die ihren Rekord über die 1.900-Meter-Strecke zugleich auf 1:15,7 min. steigerte, bereits der zweite „big Point“ innerhalb weniger Tage. Die Vierjährige des Rennstalls Midas scheint damit ihrer großartigen Mutter Xella Hannover, die 119.362 Euro Preisgeld erkämpfte, in toller Manier nachzueifern.

Chaotische Startphase – souveräner Titan Lad  

Auf eine prominente Verwandtschaft kann auch Titan Lad, der Sieger des Trials des Criteriums der Vierjährigen, verweisen. Hat er doch Brüder wie den legendären Chinas As (425.129 Euro Gewinnsumme) und den Breeders-Crown-Triumphator Cinas Boy in seiner Familie. Und dennoch überstrahlte nicht nur sportlicher Glanz das Resultat des Criterium-Trials, sondern es gab leider auch eine gehörige Portion Schatten.

Das lag allerdings nicht an dem vorzüglichen Titan Lad, der von seinem ständigen Begleiter und Trainer Andreas Gläser vorbildlich und couragiert über den Kurs gesteuert wurde, sondern an der völlig chaotischen und unkoordinierten Startphase der 10.000-Euro-Prüfung. Egal, ob es nun an der Schlafmützigkeit mancher Teilnehmer, oder an einem zu früh davon ziehenden Startauto lag – das Ergebnis war jedenfalls katastrophal: Mehr als ein Drittel aller Sulkygespanne war schon nach wenigen Metern völlig chancenlos.

Machten noch am meisten gut: Parisienne Blue und Freeway Rapida

Die tapferen Parisienne Blue (Hannu Voutilainen) und Freeway Rapida (Gerd Biendl) machten noch das Beste aus der Situation und verbesserten sich auf den letzten 300 Metern des Rennens in feiner Manier auf die Plätze zwei und drei. In Front zog aber Titan Lad, der sich in einem langgezogenen Kampf um die Spitze eine Runde vor dem Ziel gegen den später fehlerhaften Clive Bo (Marisa Bock) durchgesetzt hatte, einsam seine Kreise und gewann völlig ungefährdet in 1:16,1 min./1.900 Meter mit übergroßer Autorität.

Seine Berliner Besitzerin Tina Dahlbüdding, die schon seit Jahren auf die erfolgreiche Zusammenarbeit mit Andreas Gläser vertraut, wird an dem bildhübschen Hengst noch viel Freude haben. Der stolze Trainer: „Ursprünglich war der Shootingstar-Cup als nächste Aufgabe für Titan Lad vorgesehen. Nachdem er nun viel Geld gewonnen hat und nicht mehr in die Ausschreibung passt, werden wir ihn voraussichtlich beim Derby-Marathon laufen lassen.“

Golden Sunlight: Klein, aber oho!

Bildhübsch – das könnte zugleich das passende Attribut für Stall Brammeraus Golden Sunlight sein, der von seinem Besitzer Ulrich Mommert auf der Derby-Auktion 2008 für 28.000 Euro gekauft wurde. Kein körperlicher Riese zwar – der Berliner würde wohl mit Herz und Schnauze sagen: „Der ist ja kleener als mein Dackel!“

Aber trotz seiner eher geringen Größe ist der Sohn der 21-maligen Siegerin Celebrate Light (134.526 Euro) ein durchtrainiertes und muskelbepacktes Kraftpaket mit riesigem Phlegma, dass er bei seinem abgebrühten Treffer in 1:15,8 min./1.900 m mit Michael Nimczyk im Sulky eiskalt unter Beweis stellte, obwohl der Braune das Rennen hauptsächlich in der Außenspur bestreiten musste. Kaum schlechter war wenig später Lord of Magic mit Heiner Christiansen für die Brammerau-Farben unterwegs, der in 16,6 min./1.900 m sogar eine heftige Startgaloppade ausbügelte.

Renntag mit vielen Überraschungen

Der Renntag war von zahlreichen Toto-Überraschungen geprägt: Als 17:10-Topfavorit konnte sich lediglich Gerd Biendl mit seinem nun schon vier Mal hintereinander unbezwungenen Fuchs Johnny be good in der Tagesbestzeit von 1:15,6 min./1.900 m durchsetzen. Zuccero (Daniel Wagner / 40:10), der das Rennen ebenso wie Ydel Buitenzorg (Michael Hamann / 197:10) erst am Grünen Tisch gewann, kam auf exakt den gleichen Kilometerschnitt, trat allerdings über die Meilendistanz an.

Mit den Siegen von Valderama (44:10), der für seinen Fahrer Thomas Buley den 250. Karrieretreffer erkämpfte, sowie von Lady Shogun (Sebastian Gläser / 32:10) und Salvegiacomo (Maximilian Berger / 43:10) war durchaus zu rechnen. Den Hengst Byron (Kevin Brunner / 159:10) jedoch, der wahrscheinlich das beste Rennen seines Lebens lief und im Einlauf vom Ende des Feldes aus über erstklassige Gegner förmlich hinwegflog, hatten nicht viele der wettenden Zuschauer auf ihrem Tippschein notiert.